Marokko- Ein Einblick in eine neue und fremde Welt

„Nous sommes Charlie“ dominiert seit vergangener Woche die Medien. Ob Tageszeitungen, Fernsehen oder Online-Medien, jeder gibt sein Bestes und versucht, das Geschehen aus einer neuen Perspektive zu beleuchten. Doch die wohl positivste Folge dieser Tragödie, sofern in diesem Massaker überhaupt von „positiv“ die Rede sein kann, ist das engere Zusammenrücken unterschiedlicher Länder, Religionen und Kulturen. Indem alle gemeinsam das grausame Attentat auf die Pressefreiheit verurteilen, rückt die Welt –zumindest für einige Tage- etwas näher zusammen. Doch schnell erkannten natürlich auch rechtspopulistische und –radikale Gruppierungen ihre Chance, den gesamten Islam für das Attentat verantwortlich zu machen. Dies hat mich an einen Ausflug von Tarifa, der südlichsten Spitze Andalusiens, aus in die nur 15 km entfernte marokkanische Hafen-Metropole Tanger erinnert. Für mich fühlten sich diese 15 km Meer an wie eine Grenze zwischen zwei unterschiedlichen Welten. Dort wurde mir klar, wie wenig ich doch eigentlich über den Islam weiß und wie sehr meine Vorstellungen und Vorurteile doch von reißerischen Medienberichten und radikalen Einzelfällen beeinflusst waren.

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Die Kamele und ihre geschäftstüchtige Halter warten auf Touristen aus dem Westen.

 

Erste Eindrücke einer „anderen Welt“

Im Vorfeld machte ich mir zugegebenermaßen große Sorgen um meine eigene Sicherheit. Die Idee, als junge, blonde Frau ohne Kopftuch in ein islamisch geprägtes Land zu reisen stieß auch bei meinen Bekannten nicht gerade auf Begeisterung. Deswegen entschied ich mich dazu, mich einer von der Rederei FRS organisierten Tagestour anzuschließen, was ich keine Sekunde meines kurzen Ausflugs bereut habe. Los ging es um 11 Uhr am Hafen von Tarifa. Gespannt auf die Eindrücke und Erlebnisse, die mir der Tag bringen würde, beobachtete ich, wie die Fähre sich langsam vom europäischen Kontinent entfernt und sich Afrika nähert.

Der erste Blick auf den afrikanischen Kontinent
Der erste Blick auf den afrikanischen Kontinent

Dort angekommen werden wir direkt von Händlern in Empfang genommen, die den europäischen Besuchern gerne ihre orientalischen Gewürze, Tücher, Handtaschen und ähnliches schmackhaft machen wollen. Ich fühle mich überwältigt von den Farben, dem lebendigen Treiben und der orientalischen Architektur, die sich von Spanien schon sehr stark unterscheidet. Erst jetzt realisiere ich, dass ich gerade wirklich einen anderen Kontinent betreten habe.

Eine bewegte Geschichte

Schnell übernimmt die Reiseleiterin die Organisation vor Ort, verfrachtet unsere Reisegruppe in einen Kleinbus mit der dicken Aufschrift „tourists“ und stellt uns unserem lokalen Guide vor. Dieser übernimmt die Gruppe sofort und begrüßt seine Gäste in fließendem Englisch, Spanisch und Deutsch. Außerdem spricht er natürlich noch marokkanisches Arabisch. Während unser Bus sich langsam aber sicher vom Hafen entfernt, nimmt er uns mit auf eine kleine Reise durch die marokkanische Geschichte. Neu für mich war, dass nicht nur die Franzosen, die für lange Zeit das Nachbarland Algerien besetzten, sondern auch Spanier und Portugiesen das Land, das durch die Straße von Gibraltar nur wenige Kilometer von der iberischen Halbinsel entfernt liegt, zwischenzeitlich besetzten. Deswegen ist die spanische Sprache im äußeren Norden Marokkos, also zum Beispiel in Tanger, bis heute sogar präsenter als die französische. Doch auch die als Ureinwohner des afrikanischen Kontinentes geltenden Berber haben die Geschichte des Landes geprägt und leben auch heutzutage noch nach ihren eigenen Bräuchen im Land. Stolz erwähnt unser Guide, dass Marokko eines der tolerantesten islamischen Länder ist.

Als wir uns der Innenstadt nähern wird dieses tolerante und fortschrittliche Bild für mich jedoch wieder ein bisschen getrübt. Der Bus fährt durch eine belebte Straße der Vorstadt, die von Cafés und Geschäften gesäumt ist, das Leben findet hier auf der Straße statt, MANN trifft sich. Bei diesem Anblick bricht unser Guide spontan in lautes Lachen aus: „Seht ihr? Es sitzen nur Männer in den Cafés. Frauen treffen sich nicht in der Öffentlichkeit, das gehört sich unter uns Arabern nicht. Wir können es ihnen natürlich nicht offiziell verbieten, aber Frauen zahlen mehr. Und Männer, die mit Frauen ins Café gehen erst recht.“ Die letzten zwei Sätze veranlassen ihn, erneut in fröhliches Gelächter auszubrechen und unsere Gruppe realisiert langsam, wie sich dieses Land doch von unseren westlichen Heimatländern unterscheidet.

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Ein typisches Bild im lebendigen Tanger

 

Malerischer Küstenabschnitt mit Einblicken in die marokkanische Kultur

Weiter geht es entlang der Mittelmeerküste. Nachdem wir die unvermeidlichen Kamel-Foto-Stationen und ähnliches hinter uns gelassen haben, bekommen wir wunderschöne Ausblicke auf das Mittelmeer und das geografisch nahe, aber doch so ferne Spanien, zu sehen. Mein Highlight dieses Abschnittes war ein alter phönizischer Friedhof, der direkt an der Steilküste errichtet worden war. Denn dort konnte man nicht nur die antike Kultur anschauen, sondern bekam nebenbei auch Menschen zu sehen, die in dem nahegelegenen, kleinen Dorf ihre täglichen Erledigungen machten. Frauen, die gemeinsam Lebensmittel einkauften, Kinder, die auf dem täglichen Weg von der Schule nach Hause waren und Männer, die miteinander diskutierten.

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Die pulsierende Textil-Stadt Tanger erleben

Wenig später ging es dann endlich ins Stadtzentrum. Dort liefen wir entlang an diversen Basaren und Blumenmärkten. Frische und bunte Obst- und Gemüsesorten lagen direkt neben regionalen Spezialitäten und lecker duftenden Brotsorten. Durch den lebendigen Tumult auf den Straßen gingen wir quer durch die Stadt bis wir schließlich das Museum von Tanger erreichten, welches in einem alten Sultan-Palast eingerichtet ist. Das Gebäude erinnert stark an die maurischen Paläste in Andalusien. „Wir haben hier auch eine kleine Alhambra“, erklärt unser Stadtführer begeistert.

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Auf dem Blumenmarkt deckt sich jeder mit schöner Dekoration ein

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Direkt im Anschluss daran wagen wir uns in das wahre Herz der Stadt, in die engen Gassen mit den unzähligen Textil-Geschäften. Denn die Stadt im äußersten Norden Afrikas ist bekannt für ihre hochwertigen Textilien. Kuschelige Kaschmir-Tücher, Lederwaren, elegante und lange Baumwoll-Kleidung und natürlich eine große Auswahl unterschiedlicher Kopftücher bieten eine riesige Kleidungs-Auswahl. Schon seit der Antike handelt die Stadt mit diesen Gütern und exportiert sie in das nahe gelegene Europa. Auch heutzutage fahren viele Spanier einmal im Monat nach Tanger, um sich neu einzukleiden. Nach einem Rundgang durch die überraschend kleine Altstadt lassen wir den Tag entspannt bei einem Kaffee oder einem marokkanischen Pfefferminztee ausklingen.

In einigen Läden gibt es eine Web-Vorführung
Besucher können direkt sehen, wie die Tücher, die es zu kaufen gibt, gewebt werden

Ein erster Eindruck von einem islamischen Land

Marokko hat mich überwältigt, Emotionen ausgelöst, aber nach nur einem Tag bilde ich mir nicht ein, die arabische Welt auch nur ansatzweise zu verstehen. Ein Tag hat mir aber auch gezeigt, wie interessant sich diese für mich als atheistische Westeuropäerin völlig fremde Kultur und Wertegemeinschaft anfühlt. Gerade die Rolle der Frau hat mich aber, ehrlich gesagt, schon ein wenig bedrückt, vor allem wenn ich darüber nachdenke, dass Marokko eines der liberalsten arabischen Länder ist. Wenn ich bedenke, dass Frauen beispielsweise in Saudi-Arabien eingesperrt werden, wenn sie Auto fahren, nicht geschäftstüchtig sind, das heißt, ohne die Erlaubnis ihrer Ehemänner keine Verträge unterzeichnen dürfen, und ihren Körper vollständig verschleiern müssen, muss ich zugeben, dass mir ein Teil dieser religiösen Kultur wahrscheinlich für immer ein Rätsel bleiben wird. Als Gast in einem Land sollte man allerdings die Kultur und Werte akzeptieren und respektieren, auch wenn sie nicht den eigenen Ansichten entsprechen.

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Auch ich habe mal ausprobiert, wie sich ein Kopftuch so anfühlt

 

Im Nachhinein war ich sehr froh, dass ich mich einer organisierten Gruppe angeschlossen habe, weil ich so vielfältige Orte gesehen habe und einmalige Eindrücke von einem hochinteressanten Land gewonnen habe. In Eigenregie hätte ich an einem Tag sicher nicht so viel auf die Beine gestellt bekommen. Außerdem konnte ich meine Eindrücke gleich mit netten Menschen aus der Gruppe teilen. Meine Befürchtungen bezüglich der Sicherheit wurden aber nicht bestätigt. Insgesamt kam mir die Stadt sehr friedlich und sicher vor, ganz anders als das Bild, welches die Medien von den arabischen Ländern vermitteln. Natürlich muss aber jedes Land für sich betrachtet werden, „die arabischen Länder“ gibt es nur so weit wie es „die europäischen Länder“ oder „die amerikanischen Länder“ gibt. Marokko hat mich nachhaltig zum Nachdenken angeregt und ich bin mir sicher, dass dies nicht der letzte Besuch in diesem aufregenden Land war.

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